Die Gesichter der anderen

02.09.2025 |

„Digital Detox“ ist ein Vorschlag zum digitalen Entgiften.
Die Professorin Daniela Holsboer macht fünf kleine Vorschläge (ntv.de)

1. Die Rufe werden jetzt neuerdings etwas lauter. Manche Menschen sollten sich ein wenig das „Digitale Fasten“ angewöhnen. Auf englisch heißt das „Digital Detox“ und bedeutet so viel wie eine „digitale Entgiftung“. Vor allem Jugendliche und Menschen im Arbeitsleben werden aufgerufen, das Handy oder Tablet im Urlaub, in den Ferien oder an Wochenenden einmal längere Zeit unbeachtet zu lassen. Manche Schulen verbieten es schon während der Schulzeit. 
Eine Expertin für digitale Enthaltsamkeit hat kürzlich einige Tipps gegeben. Schon ein kurzer Blick auf die Mails könne einen Urlaub zunichtemachen. Sie rät fünf kleine Sachen:
 
1. Erkennen, ob wir vom Digitalen gestresst sind.
2. Nach 15 Minuten vier Stunden pausieren.
3. Die Natur genießen statt Selfies zu machen.
4. Im Urlaub und am Wochenende Handy erst nach dem Frühstück.
5. Dabei möglichst Familie und Freundinnen/Freunde einbeziehen.
 
Der Gewinn, sagt Professorin Holsboer, sei enorm. „Wir werden mitfühlender“, sagt sie, „wir begegnen einander wieder.“
 
2. Einander wahrnehmen ist ein schönes Vorhaben. Das Internet bringt es mit sich, dass viele zwischenmenschlichen Vorgänge einfach weggefallen sind: Einkaufen, Bezahlen, Fahrkarten oder Eintrittskarten beschaffen, Geld holen. Wir sehen in immer weniger Gesichter. Die Zwischenmenschlichkeit hat sich zurückgezogen. So sehen wir auch immer weniger die kleinen Gefühle von anderen.
Das aber brauchen wir. Nur über andere lernen wir auch uns selbst besser kennen. Ein Bildschirm bleibt flach. Tiefe hat nur eine wirkliche Begegnung mit den Körperlichkeiten, den Gesten und Gesichtszügen der anderen.
 
3. Jesus war ein Meister des Hinsehens. Er schaute nicht aus Neugier, sondern aus Interesse. Einmal fragt er sogar seine Jünger, weil er genau wissen wollte, für wen die Menschen ihn halten (Matthäus 16,13ff). Er wollte erkannt werden in seiner Göttlichkeit und Menschlichkeit. Wir erkennen und verstehen uns besser, wenn wir einander ansehen. Manche Missverständnisse entstehen, weil wir nur schreiben oder telefonieren. Da wird ein stilles Lächeln oder ein kleiner Schmerz schon nicht mehr wahrgenommen.
Sollte es uns betreffen, lassen wir uns doch einfach locken von der Professorin – locken zu etwas mehr Einschränkung beim Gebrauch des Digitalen. Das Versprechen ist ja verlockend: Wir werden mitfühlender. Ein wunderbares Ziel. Es betrifft nicht nur mich, sondern auch andere. Sie nehmen mich besser wahr; sie erkennen vielleicht, wie ich heute gestimmt bin und fragen danach, wie es mir geht. 
Erzählen können macht einen Tag leichter. Das Empfinden von Menschen und das Wahrnehmen der Empfindungen ist durch nichts zu ersetzen.
 
Michael Becker 
becker.michael49@web.de